Konzertchronik

2026

Hierusalem

Wie klingt es in der „himmlischen Stadt“ Jerusalem? Warum singen Engel so viel schöner als Menschen? Und wie schaffen es Klang und Raum, unser Bewusstsein zu weiten und unsere Herzen zu öffnen für Dinge, die mit Worten nicht zu beschreiben sind? Diesen und anderen Fragen widmen sich die Sänger*innen des John Sheppard Ensembles in ihrem neuen Programm, in dem wir uns mit Werken englischer Komponisten vom 16.Jahrhundert bis heute auseinandersetzen.

Gleich zu Beginn erklingt ein Gipfelwerk der Chorliteratur, das als eines der ersten mit den vielfältigen Klangmöglichkeiten eines Raumes spielt: Thomas Tallis' Motette Spem in alium für vierzig Stimmen oder vier zehnstimmige Chöre bezieht den Aufführungsraum und das Publikum in die Komposition mit ein. In immer wieder neuen Kombinationen wandern die Klänge um den Hörer herum: kreisförmig von der höchsten zur tiefsten Stimme und wieder zurück, abwechselnd zwischen Nord-Süd und Ost-West-Chören sowie im prachtvollen Tutti zeigt sich der Komponist hier auf der Höhe seines Schaffens – und bietet gleichzeitig allen Sänger*innen des John Sheppard Ensembles die Möglichkeit, ihre individuelle Klasse zu zeigen.

Ralph Vaughan Williams Fantasia on a Theme by Thomas Tallis für Streichorchester entstand 1910 für das Three Choirs Festival in Gloucester und gilt als das erste Werk, in dem der Komponist durchgehend einen eigenen Personalstil entwickelt. Auch Vaughan Williams bezieht den Raum in seine Komposition mit ein: neben dem Hauptorchester sieht die Partitur ein kleineres Fernorchester sowie ein Streichquartett vor, die jeweils getrennt voneinander platziert werden und mal gemeinsam, mal in vielfältigen Dialog- und Echo-Effekten das Thema von Thomas Tallis variieren. Ein zeitgenössischer Zuhörer bemerkte, „man kann bei dem Werk nie ganz sicher sei, ob man grade etwas sehr Altes oder sehr Neues hört“ - das Spiel mit modalen Wendungen, an Debussy erinnernden Harmonien und den spezifisch „englischen“ schwelgerischen Melodien hat bis heute nichts von seiner Faszination verloren.

Nach seinen Anfängen als Chorknabe widmete sich Will Todd (*1970) zunächst dem Jazz, bevor er seit Beginn der 2000er Jahre auch als Chorkomponist aktiv wurde. Angel Song II für achtstimmigen Chor a cappella webt ein feines Klangnetz auf den Vokalen o, æ und a – entnommen dem Wort Hosanna, welches nach den Erzählungen der Bibel von den Engeln um die Krippe herum gesungen wurde. Auch hier wandert der Klang um das Publikum und entfaltet sich in einer schwebenden Melodik, die durch die Stimmen wandert.

George Dyson ist auf der deutschen Konzertlandkarte bislang ein weißer Fleck: als Zeitgenosse von Vaughan William wirkte er unter anderem als langjähriger Direktor des Royal College of Music in London und machte sich hier insbesondere um Studierende verdient, die aufgrund des II. Weltkriegs ihre Studien unterbrechen oder aufgrund von Kriegsversehrungen nicht fortführen konnten. Hierusalem ist fast schon eine symphonische Dichtung für achtstimmigen Chor, Streichorchester, Streichquartett, Solosopran, Harfe und Orgel. Inhaltlich widmet sich das Werk dem Gegensatz zwischen himmlischer und irdischer Sphäre: der Solosopran als Repräsentant einer kindlich-unschuldigen (christlichen) Seele sehnt sich nach der Erlösung aus Einsamkeit und irdischem Leid, nach der Aufnahme in die himmlischen Sphären und der Vereinigung mit dem Klang der himmlischen Heerscharen – diese, vertreten vom anspruchsvollen Chorpart, beschreiben in farbenreichen Bildern die zahlreichen Musiken in biblischer wie theologischer Tradition: von den Psalmen König Davids über das Magnificat der Gottesmutter Maria, Nunc dimittis und Benedictus, Te Deum bis hin zum erlösten Seufzen der Maria Magdalena. Nach einer grandiosen Steigerung verklingt das Stück in einem schwebend-entrückten pianissimo.

Faire is the heaven lautet der Titel der doppelchörigen Motette von William H. Harris, die den thematischen Faden von Hierusalem aufgreift und die glücklichen Seelen beschreibt, die im Himmel leben und Gott lobsingen dürfen. Nach einer Steigerung, die die Ordnungen der Engel (von Cherubin und Seraphim bis zu den Erzengeln) musikalisch nachbildet, stellt sich das lyrische Ich gegen Ende des Werks die Frage, wie eine „sterbliche Zunge“ jemals hoffen könne, solch unendliche Perfektion des Gesanges zu erreichen.

Diese Frage steht auch im Zentrum von Tarik O'Regans Komposition The ecstasies above nach einem Text von Edgar Allan Poe. Israfel („der Brennende“) ist einer der vier kanonischen Erzengel des Islam und wird im christlich-jüdischen Raum als Erzengel Raphael oder Uriel identifiziert. In den Texten und Bildern des Islam wird er auch als Engel der Musik dargestellt: er bläst die Trompete (im Christentum: Posaune) des jüngsten Gerichts und preist Gott in vielen Zungen und tausend Sprachen. Poe beschreibt seinen Gesang, den er auf einer mit den Fasern seines eigenen Herzens bespannten Laute begleitet, als derart schön, dass sogar die Sterne verstummen. In die Bewunderung des Gesangs schleicht sich die Frage des lyrischen Ichs, ob der Engel wohl ebenso schön sänge, wenn er dies nicht unter himmlischen, sondern irdischen Bedingungen tun müsste – oder ob im Gegenzug auch ein irdischer Gesang unter himmlischen Voraussetzungen so überirdisch schön klingen könne. O'Regan kleidet den Text in eine Klangsprache, in der sich rhythmisch-virtuose Passagen mit berührenden Klangflächen abwechseln – und das vielfach geteilte Streichorchester in mannigfaltigen Kombinationen mit zwei Solistengruppen und dem achtstimmigen Chor interagiert. Das Funkeln und Glitzern der Sterne, die Virtuosität des Sängers, die Sehnsucht des lyrischen Ichs – immer wieder aufs Neue wechseln Stimmungen und Farben, die den Zuhörer auf eine ganz besondere Klangreise mitnehmen.

Wir schließen unser Konzertprogramm mit einer der traditionellen Hymnen, die Charles H. H. Parry 1911 für die Krönung George V. komponiert hatte: I was glad folgt den Worten des 122. Psalms und verleiht der Hoffnung Ausdruck, dass dereinst alle Menschen an den Toren des himmlischen Jerusalem stehen und dort in den ewigen Frieden eingehen – und damit für immer den Sorgen und Nöten der irdischen Existenz entrissen werden.

Thomas Tallis (1505-1585) Spem in alium für (vier zehnstimmige Chöre oder 40 Stimmen)
Ralph Vaughan Williams (1872-1958) Fantasia on a Theme by Thomas Tallis
Will Todd (*1970) Angel Song II
George Dyson (1883-1964) Hierusalem
William H. Harris (1883-1973) Faire is the Heaven
Tarik O’Regan (*1978) The Ecstasies Above
C. Hubert H. Parry (1848-1918) I was glad

Lettische Weihnacht

Ēriks Ešenvalds: eine Weihnachtsgeschichte

Es musizieren: Das John Sheppard Ensemble mit Mitsingchor sowie ein Instrumentalensemble und Solisten.

Ēriks Ešenvalds zählt zu den beliebtesten Chormusik-Komponisten unserer Tage. Seine etwas andere Weihnachtsgeschichte nimmt das Publikum mit auf die Reise der Heiligen Drei Könige, die auf ihrem Weg zum neugeborenen Jesuskind vielerlei Hindernisse zu überwinden haben. Musikalisch treffen a-cappella-Chorklänge auf Live-Elektronik, Singer-Songwriter-Stil auf klassischen Gesang, Percussionensemble auf Blockflöten und gestimmte Flaschen - ein bunter Mix von Klängen und Stilen, der die Herkunft und die Reise der Könige eindrücklich in Szene setzt. Ergänzend erklingen traditionelle lettische Weihnachtslieder, die vom John Sheppard Ensemble, seinem Mitsingchorprojekt und den Solist*innen und dem Publikum gemeinsam musiziert werden.