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Freitag, 19. Oktober 2007, 20 Uhr, Christuskirche Freiburg
Samstag, 20. Oktober 2007, 20 Uhr, Dominikanerkloster Guebwiller
Sonntag, 21. Oktober 2007, 17 Uhr, Martinskirche Basel



John Sheppard Ensemble

Cantate Kammerchor Basel

Patrick Jüdt - Viola

John Sheppard (ca. 1515-1559)
Media vita

Olivier Messiaen (1908-1992)
O sacrum convivium

Lucio Berio (1925-2003)
Sequenza VI für Viola

Johannes Brahms (1833-1897)
Motette op. 74, "Warum ist das Licht gegeben"
Motette op. 110, "Ich aber bin elend"

Frank Martin (1890-1974)
Messe für 2 vierstimmige Chöre a capella


Johannes Tolle  -  Leitung

 

Über das Progrmm

Pressestimmen

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Über das Programm

 

 

 

John Sheppard steht ganz zu Unrecht im Schatten seines berühmten Zeitgenossen Thomas Tallis. Über seine Biographie ist nicht allzuviel bekannt. Ab 1543 war er am Magdalen College in Oxford angestellt. 1552 taucht sein Name auf einer Liste der "Gentlemen of the Chapel Royal" auf, nach 1559 verliert sich seine Spur. Neben William Byrd war John Sheppard der wohl produktivste englische Komponist seiner Zeit; ein Großteil seiner Kompositionen ist auf Latein und für den römischen Ritus abgefasst, ein Grund dafür, dass seine Werke in Vergessenheit gerieten, nachdem sich die Reformation auch in England durchgesetzt hatte. Dabei steht seine Musik in der Tradition der großen englischen Vokalpolyphonie: ihre seraphische Schönheit, kunstvolle Linienführung und die wie bei Tallis durchaus sinnlich momenthafte Harmonik hat etwa mit dem bewußt ausgewogenen, kommensurableren Palestrina-Stil nicht viel gemein.
"
Media Vita", eines der Meisterwerke John Sheppards, zeichnet sich durch eine besonders ungewöhnliche formale Gestaltung aus. Das Stück hat eine rondoähnliche Struktur, wobei der "Refrain", (das dreifache Sancte Deus, Sancte fortis und Sancte Salvator) jedesmal weiter verkürzt wird, so dass - mit sparsamsten Mitteln - der Eindruck große formaler Geschlossenheit entsteht.

Olivier Messiaens Motette "O sacrum convivium" ist interessanterweise das einzig liturgisch gebundene Stück des tiefgläubigen Katholiken. Das 1937 entstandene Werk ist eine Meditation über das Geheimnis der Eucharistie. Unregelmäßiges Metrum, expressives Legato und die Verwendung von Fis-Dur, der in Messiaens Diktion "Tonart der mystischen Liebe" erzeugen eine Klangwirkung von Schwerelosigkeit und gedehnter Zeit.

Luciano Berio komponierte zwischen 1958 und 1995 eine Serie von 14 Werken für Soloinstrumente, die die spieltechnischen und klanglichen Möglichkeiten des jeweiligen Instruments bis ins Extrem auslotet. Den einzelnen Stücken sind Verse des italienischen Dichters Edoardo

 

Sanguineti vorangestellt, für die Sequenza VI für Viola von 1967 lautet das Eingangsmotto: "meine launenhafte Wut ist deine fahle Ruhe gewesen / mein Lied wird dein langsames Schweigen sein."

Die Motette "
Warum ist das Licht gegeben" (1878) von Johannes Brahms ist die spätere Umarbeitung einer Missa canonica von 1856, als der damals 23-jährige intensiv Bach und die alten Meister studiert hatte. Die überaus kunstvolle Struktur der Motette, die dem Bachbiographen Phillip Spitta gewidmet ist, zeigt - wie auch die doppelchörige Komposition "Ich aber bin elend" von 1889 - wie sehr Brahms durch die Auseinandersetzung mit alten kanonischen Techniken, barocken Figuren und der Tradition der Mehrchörigkeit inspiriert war, ohne je bloße Stilkopien anzufertigen.

Frank Martins
Messe für Doppelchor entstand von 1922-26, wurde aber erst 1963 uraufgeführt, wozu Martin später bemerkte: "Es war eine völlig freie, nicht zweckgebundene Arbeit, zumal mir damals kein Chorleiter bekannt war, den sie interessiert hätte. [...] Auf eine Aufführung legte ich keinen Wert, da ich befürchtete, das Werk würde nur nach ästhetischen Gesichtspunkten beurteilt werden. Für mich war es eine Angelegenheit zwischen Gott und mir." Martins Messe, die Olivier Messiaen für eines seiner besten Werke hielt, ist in einem schlichten, natürlichen, an der Sprache orientierten Gestus gehalten. Wie bei Brahms finden sich eine Reihe traditioneller Stilmittel - Gregorianische Anklänge, Pentatonik oder Imitationstechniken - die reizvoll mit avancierten, etwa Clustereffekten oder bitonalen Passagen kontrastieren.
Die Messvertonung des calvinistischen Pfarrerssohns, der die Form des katholischen Ritus in seinen eigenen Worten "ästhetisch als auch psychologisch" bewunderte, ist somit, vielleicht ohne dass ihr Schöpfer dies beabsichtigt hatte, zu einer wahrhaft überkonfessionellen geistlichen Komposition geworden.

Johannes Tolle


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Patrick Jüdt studierte an der Hochschule für Musik und Theater Hannover und an der Musikakademie der Stadt Basel bei Prof. Hatto Beyerle.

Er ist Bratschist im Basler Ensemble Phoenix und bildet zusammen mit dem Geiger Felix Borel und dem Kontrabassisten Wolfgang Fernow das Trio Ginkgo. Als gefragter Kammermusiker spielte er u.a. bei den Luzerner Festspielen, dem Schleswig Holstein Musik Festival, eclat (Stuttgart), Musiksommer Hamm, Musikmonat Basel, Ars Musica (Brüssel), und trat als Gast mit international anerkannten Ensembles wie u.a. dem Ensemble Modern, Klangforum Wien, Ensemble Recherche, Contrechamps oder dem Wiener Kammerensemble auf.

Seit 2006 unterrichtet er eine eigene Violaklasse an der Hochschule der Künste Bern.

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P r e s s e s t i m m e :

Auf Moderne fokussiert
A CAPELLA    Cantate Kammerchor und John Sheppard Ensemble: ein Abschied.

Basellandschaftliche Zeitung, 24. 0ktober 2007

GISELLE REIMANN
Sie harmonierten perfekt miteinander, der Cantate Kammerchor und das John Sheppard Ensemble. Beide sind renommierte Formationen. Und beide stehen unter der Leitung von Johannes Tolle. Nicht mehr lange allerdings, denn mit diesem Konzert verabschiedete sich der Cantate Kammerchor von Tolle als künstlerischem Leiter. Es war ein eindruckvolles Abschiedskonzert.
Die Programmierung trug nicht unwesentlich zum Erfolg des Konzerts bei: Werke von Olivier Messiaen und Frank Martin wechselten sich ab mit Kompositionen von John Sheppard und Johannes Brahms. Alle Werke - so sehr sie sich stilistisch unterscheiden - sind für Chor a cappella geschrieben. Dementsprechend trug das Konzert den Titel «a cappella». Aber es gab auch einen sehr reizvollen instrumentalen Gegenpol zum Gesang: Patrick Jüdt spielte fulminant Luciano Berios «Seqnenza VI für Viola». Mit virtuoser Energie stürzte sich der Musiker in turbulente Arpeggien und überzeugte mit tadelloser Technik.

 

Ansonsten gehörte der Abend den Stimmen: Die Sängerinnen und Sänger zeigten ihre grossen Qualitäten. Mit reiner Intonation und klaren Linien interpretierten sie die unterschiedlichen Werke und zeigten sich auch in schnelleren Passagen und in ungewohnten Intervallen sattelfest.
IM ZENTRUM des Abends bildete die Messe für zwei Chöre a cappella von Frank Martin - ein Werk, dass erst 1963 zur Urauf¬führung kam, obwohl es bereits zwischen 1922 und 1926 entstand. Schon der schrittweise, zaghafte Einstieg der verschiedenen Stimmen ins Kyrie zeigt die Intimität dieses Werkes. Die Chöre zeichneten diese persönliche Note gefühlvoll nach.
Allgemein überraschten Sängerinnen und Sänger mit enormer klanglicher Flexibilität - so auch in Brahms' Motette «Warum ist das Licht gegeben», die mit einem beherzten Dur-Akkord einsteigt, der sich unvermittelt in Moll verwandelt. Die Chöre präsentierten diesen Effekt zwei Mal äusserst gekonnt.

 

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