2 0 0 6            

 

3. Februar 2006 (St. Josefskirche, Herten)
4. Februar 2006
(Christuskirche Freiburg)

Poulenc / Bruckner

Francis Poulenc : Figure humaine
gmeinsam mit dem Cantate Kammerchor Basel

Leitung: Nathalie Müller

Anton Bruckner: Messe in e-moll
gemeinsam mit dem Kammerorchester Base
l
Leitung: Jörg Endebrock

___________________________________________

P r e s s e s t i m m e n:


Der Pianoklang als Spiegel der Seele

Das John-Sheppard-Ensemble in Freiburg und Rheinfelden

Es gibt Konzerte, die man nicht vergisst. Sie heben sich ab vom geschäftigen Klassikbetrieb, sie lassen alles Nebensächliche vergessen und halten die Zeit an. Das gemeinsame Konzert des John-Sheppard-Ensembles Freiburg und des Basler Cantate Kammerchors sowie des Kammerorchesters Basel in der Freiburger Christuskirche gehörte in diese Kategorie - tief schürfend, hoch musikalisch, gänzlich uneitel. Dabei sah es eine Woche vor dem Konzert nicht danach aus. Johannes Tolle, der musikalische Leiter beider Chöre, stürzte auf einer eisigen Straße und erlitt einen komplizierten Bruch des rechten Oberarms - ausgerechnet beim bisher schwierigsten Programm fiel nun der Dirigent aus. Zwei Freunde sprangen ein: Nathalie Müller und Jörg Endebrock; die beiden Konzerte in Rheinfelden und Freiburg waren gerettet.

Intime Einblicke nach innen

In die Christuskirche kam Johannes Tolle trotzdem, direkt aus dem Krankenhaus. Was er und die anderen Zuhörer an diesem Abend erleben durften, war außergewöhnlich. Musikalisches Können verband sich mit einer großen spirituellen Intensität, die intime Einblicke nach innen gewährte, aber auch mitteilsame Dramatik entwickelte. Francis Poulencs in den Wirren des Zweiten Weltkriegs komponiertem doppelchörigen A-Cappella-Werk “Figure humaine” (Das Angesicht des Menschen) widmen sich die beiden Ensembles unter der Leitung von Nathalie Müller mit schwerelosem Ton. Kein Gramm Fett, kein dickes Pathos ist in dieser Musik - licht, transparent, mit Dissonanzen geschärft erblühen die bis zu zwölfstimmigen Linien zu einem dichten Geflecht an Bezügen und Kontrapunkten. Beim fünften Satz “Première marche la voix d´un autre” (Erster Schritt, die Stimme eines anderen) wandern die Motive zwischen dem außen postierten Sopran 1 und Sopran 2 hin und her, beim anschließenden “Un loup” (Der Wolf) mit den weichen Klängen in den Bässen entsteht abseits der Kriegsgräuel eine ganz friedliche Welt. Die beiden Chöre intonieren ausgezeichnet, selbst die extrem hoch und ungeschützt liegenden Sopranpassagen im abschließenden “Liberté” (Freiheit) werden fast ohne Eintrübung in Klang gesetzt, die weit gefächerte dynamische Abstufung der Interpretation und die austarierte Balance verleihen dem Chorklang besondere Farben.

Bei Anton Bruckner Messe in e-Moll verbindet sich das Vokale ganz selbstverständlich mit den formidablen Bläsern des Basler Kammerorchester. Die einzelnen Stimmen erscheinen wie an der Schnur gezogen: gerade, schlicht, ohne unnötigen Ballast. Jörg Endebrock vermeidet mit den Ensembles jede Effekthascherei, ohne dabei an Dramatik zu verlieren. Es wird an diesem Abend tiefer gelotet als gewöhnlich, etwa beim innigen “Crucifixus” oder dem weit schwingenden, immer höher steigenden “Sanctus” , wo der Klang selbst im vollen Orchestertutti edel bleibt. Gerade in der stets von neuem angestrebten Zurücknahme liegen die berührendsten Momente an diesem Abend, der Pianoklang als Spiegel der Seele.

Georg Rudiger (Badische Zeitung, 7. Februar 2006)

_____________________


Von Sensibilität bis zu glühenderIntensität

Ausnahmewerke zum Auftakt der Konzertreihe in Hertener St. Josefskirche

Es sind zwei Ausnahmewerke der Chorliteratur, die zum Auftakt der diesjährigen Konzertreihe in der St. Josefskirche in Rheinfelden-Herten erklangen: zum einen Francis Poulencs Kantate "Figure humaine" für Doppelchor, zum anderen Anton Bruckners Messe in e-Moll für achtstimmigen gemischten Chor und Bläserensemble. Beide Werke stellen allerhöchste Ansprüche an die Interpreten, denen das ausgezeichnete John Sheppard Ensemble Freiburg und der Cantate Kammerchor Basel in allen Belangen gerecht wurden.

Da sich der Leiter Johannes Tolle an der Schulter verletzt hatte, mussten kurzfristig zwei Ersatzdirigenten einspringen. Hochachtung auch vor der Leistung der Chöre, deren sorgfältige Einstudierung noch die Handschrift Tolles trug. Die rund 50 Sängerinnen und Sänger der beiden vereinigten Chöre eröffneten das Konzert unter Leitung von Nathalie Müller mit Poulencs bedeutendem A-cappella-Werk "Figure humaine". Poulenc hat es 1943 zur Zeit der deutschen Besatzung geschrieben auf surrealistische Gedichte von Paul Eluard, die Bilder von Tränen und Toten, von rotem Himmel, Blutrausch und düsterer Not, Leid und Unterdrückung, aber auch subtile poetische Metaphern der Freiheit beschwören.

Die Chöre meisterten diese acht Chansons mit ihrem bis zu zwölfstimmigen Satz bravourös. Ihr Gesang hatte gleichermaßen Sensibilität und schwebende Leichtigkeit wie Dramatik und glühende Intensität etwa im aufbrandenden "Liberté" - einem leidenschaftlichen Ruf nach Widerstand und Befreiung. Höchst klar und lupenrein in der Artikulation und sehr flexibel im Chorklang, zeigten die Sängerinnen und Sänger feinste dynamische Differenzierungskunst in den Stimmungsnuancen, so dass die zarten Lyrismen ebenso glänzend zur Wirkung kamen wie die hymnischen Steigerungen. Man musste nachhaltig bewundern, wie sensibel sich der Chor in Poulencs französische Diktion und Eluards vielschichtige Lyrik einfühlte.

Vokalkunst auf hervorragendem Niveau war auch in der Bruckner-Messe zu erleben, die das John Sheppard Ensemble und die Bläser des Kammerorchesters Basel unter Leitung von Jörg Endebrock in der Fassung von 1882 aufführten. Schon von der Besetzung her ist diese Messe ungewöhnlich, ebenso wie ihre Mischung aus altem Palestrina-Stil in der Chorpolyphonie und fast kühner Harmonik. Der großartig geschulte Chor sang den Messetext mit großer emotionaler Dichte, religiöser Kraft und Eindringlichkeit, wobei der Dirigent auch auf gute Durchhörbarkeit im mehrstimmigen Chorklang achtete.

Souverän in den profunden Männerstimmen und den hohen Frauenstimmen gestaltete der Chor etwa das herrliche "Kyrie", das erhebende "Gloria" oder das "Sanctus", in dem die Herrlichkeit Gottes gepriesen wird. Aber auch dramatische Episoden und heftige Ausbrüche im Credo bewältigte der Chor mustergültig. Zur klanggewaltigen Wirkung der Messe trugen wesentlich auch die präzise und brillant spielenden Holz- und Blechbläser bei, deren erhabener, mächtiger Klang die Eindrücklichkeit des Chorgesangs ideal verstärkte. So brandete denn nach dem feierlichen "Agnus Dei" langer, starker Beifall in der Kirche auf.

Roswitha Frey (Südkurier, 7. Februar 2006)

_____________________


Auf hohem künstlerischen Niveau

Eindrucksvoller Auftakt der Konzertreihe in Herten mit dem John Sheppard Ensemble

Rheinfelden-Herten. Den dunklen Zeiten des Zweiten Weltkrieges setzte der französische Komponist Francis Poulenc mit der Kantate "Figure humaine" für Doppelchor ein klingendes Plädoyer für den Humanismus und die Zuversicht entgegen. Es basiert auf dem Gedicht "Libération" des surrealistischen Dichters Paul Eluard, der darin mit leidenschaftlichem Gestus die ersehnte Befreiung Frankreichs formuliert und die Stimmung ausdrückt, die in Paris unter der deutschen Besatzung herrschte.

Diesem bedeutenden französischen Chorwerk begegnet man nur selten. Der unbegleitete zwölfstimmige A-cappella-Satz stellt hohe sängerische Anforderungen an die beiden Chöre. Um so interessanter war die Begegnung mit diesem umfangreichen und anspruchsvollen Zyklus von acht „Chansons" beim diesjährigen Auftakt der Konzertreihe in der St. Josefskirche in Rheinfelden-Herten. Nachdem im letzten Jahr die Benefizkonzertreihe hier sehr gut angenommen worden war, werden die Konzerte weiter geführt - ein weiterer Aktivposten in der ausbaufähigen Rheinfelder Kulturlandschaft. Dass der Beginn gleich auf einem hohen künstlerischen Niveau stattfand, war um so bemerkenswerter.

Das Freiburger John Sheppard Ensemble hat sich für Poulencs „Figures" mit dem Cantate Kammerchor Basel zusammengetan; insgesamt fast 50 Sängerinnen und Sänger und dennoch ein wunderbar homogener Gesamtchorklang. Und das, obwohl der einstudierende Chorleiter Johannes Tolle wegen einer Verletzung als Dirigent ausfiel und für ihn bei Poulenc Nathalie Müller einsprang. Die "Menschliche Figur" wurde in einer sorgfältig vorbereiteten Interpretation aufgeführt, farbig im kontrastreichen Klangspektrum und mit viel Emotionalität realisiert.

Der Chor sang, getragen von der recht plastischen Kirchenakustik, kraftvoll und mit gut verständlicher französischer Diktion. Da erklang die Sehnsucht des unterdrückten französischen Volkes, der Ruf nach Befreiung, besonders im letzten Gedicht "Liberté", einer Art Litanei, die immer ungeduldiger wird und zu fast hymnischen Aufschwüngen führt, was den beiden Chören aus Freiburg und Basel sehr eindrucksvoll gelang.

Da brauchte es, um noch mehr musikalische Wirkung zu erzielen, beim nächsten Werk zusätzlich einen Instrumentalapparat: Anton Bruckners e-Moll-Messe für achtstimmigen gemischten Chor und Blasinstrumente ist ein anderes bemerkenswertes Beispiel für die hohe Sakralkunst. Die 15 Bläser des Kammerorchesters Basel mischten sich hier aufs Beste mit dem Chorklang des Sheppard Ensembles. Mächtige Bläsereinsätze hallten durch das Kirchenschiff bei dieser klanggewaltigen Bruckner-Messe und schufen imposante Klangwirkungen. Vorgetragen wurde das harmonisch reiche Chorwerk unter sicherer Leitung des zweiten Ersatzdirigenten, dem Freiburger Kantor Jörg Endebrock, mit großer Spannungsbreite, Steigerungen und chorischer Dichte, wobei die hervorragenden Stimmen des Ensembles auffielen.

Poulenc und Bruckner hinterließen - zumal in dieser ungewöhnlichen Kombination - nachhaltige Eindrücke.

Jürgen Scharf (Oberbadisches Volksblatt, 6. Februar 2006)