Bach: Messe in h-Moll
Die Konzerte im Dezember 2001

Text und Musik bei Bach - einige Aspekte
Essay von Johannes Tolle

Pressestimmen
Nach den Aufführungen am 15. - 17.12.2001

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15. - 17. Dezember 2001 (Freiburg, Basel)
J.S. Bach: Messe in h-Moll

Nuria Rial (Sopran I)
Michaela Oberndorfer (Sopran II)
Kathrin Hildebrandt (Alt)
Daniel Sans (Tenor)
Markus Volpert (Bass)

John Sheppard Ensemble Freiburg
Cantate Kammerchor Basel
Barockorchester Capriccio Basel

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Samstag, 15.12. 2001, 20.00 Uhr, Martinskirche Basel
Sonntag, 16.12. 2001, 17.00 Uhr, Martinskirche Basel
Montag, 17.12. 2001, 20.15 Uhr, Christuskirche Freiburg

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Text und Musik bei Bach - einige Aspekte

Bach verwendet in vielen Werken das sogenannte Parodieverfahren; es bedeutet, bereits vorhandene Kompisitionen mit einem neuen Text zu versehen. Die Wirkung der Stücke scheint dies nicht zu schmälern; offensichtlich ist die musikalische Idee nicht an eine fixe Wortbedeutung gebunden. Wichtiger sind die Affekte, die emotionalen Gesten, die dem Text zugrundeliegen - oder eine Facette von ihm bilden - und die Komposition inspirieren.

"Worin aber besteht der gute Vortrag? In nichts anderem, als der Fertigkeit, musikalische Gedanken nach ihrem wahren Inhalte und Affekt singend oder spielend dem Gehöre empfindlich zu machen." (Carl Philipp Emanuel Bach)

Die Textvorlagen sind daher austauschbar, wenn sich ihnen ein gemeinsamer Affekt zuordnen lässt. Kompositorisches Muster für das Crucifixus der h-Moll-Messe ist der Eingangschor der Kantate BWV 12, dessen Text ganz offensichtlich dem Begriffsfld der Trauer und des Schmerzes entstammt: "Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen, Angst und Not, sind der Christen Tränenbrot, die das Zeichen Jesu tragen." Bach deutet bei der Umtextierung des Satzes nun auch den wesentlich neutraleren Messtext im Sinne dieses Begriffsfeldes. Die Musik gibt der Trauer beredten Ausdruck. Durch das ganze Stück hindurch, insgesamt dreizehnmal, erklingt im Orchesterbass ein typisch barockes Leidens-Motiv, der sogenannte Passus duriusculus. Streicher und Flöten artikulieren ein Motiv, das in der barocken Terminologie als Seufzerfigur (Suspiratio) bezeichnet wird. Die Singstimmen greifen in anderer Art den Klagestatus auf.

Die Fähigkeit der Musik, den existentiellen Gehalt eines Textes wiederzugeben, wird noch deutlicher, wenn man sich vergegenwärtigt, dass der Kantatensatz "Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen" ebenfalls keine reine Originalkomposition ist, sondern von einer weltlichen Komposition Vivaldis, einer Liebesklage, inspiriert wurde.

Auch in der h-Moll-Messe geht die Musik über rein theologische Implikationen des Textes weit hinaus. Der Eingangschor würde schon in seinen Dimensionen jede liturgische Form sprengen. Das Kyrie eleison ist hier kein ritueller Huldigungsruf mehr. Bach verdichtet die Seufzermotivik und chromatische Führung des Themas zu einem gewaltigen Trauerchor.

Andere Stücke der h-Moll-Messe, etwa das Kyrie II oder das Gratias sind im gravitätischen stile antico geschrieben, als Reminiszenz an den strengen kontrapunktischen Stil des 16. Jahrhunderts auch eine Chiffre für Gesetzmäßigkeit, Erhabenheit, Größe. Expressivität auf dem Fundament der polyphonen Ordnung: das Spannungsverhältnis eigentlich widerstrebender Kräfte ist nur bei Bach in dieser Vielschichtigkeit wirksam geworden. Vielleicht ein Grund dafür, dass uns seine Musik noch heute derart zu berühren vermag.

 Johannes Tolle

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P r e s s e s t i m m e n :


Die Bitte um Frieden

Bachs h-Moll-Messe in der Freiburger Christuskirche

Freiburg, deine Chöre. Sie sind eine hochwertige Konstante im überreichen Musikleben der Stadt. Einen Tag nach dem ältesten, traditionsreichsten, dem Bachchor und seinem Weihnachtsoratorium, einer der jüngsten, wiederum mit Bach: das John- Sheppard-Ensemble mit der h-Moll-Messe. Bach-Glück beide Male. Wobei Johannes Tolle der Historizität quantitativ näher kam als Hans Michael Beuerle. Tolles Chöre - neben dem Sheppard-Ensemble der Cantate-Kammerchor Basel - bringen es zusammen gerade auf die halbe Bachchorstärke. Das Barockorchester Capriccio Basel mag’s gleich ganz historisch: ein überaus kundiges, die Aufführung deutlich mitprägendes Spiel und exzellente Solistenauftritte dazu.

Über eines wurde man sich in der Christuskirche bald klar: Wenn von der Creme der Freiburger Chöre die Rede ist, bezieht man den Sheppard-Trupp unterdessen tunlichst ein - mit dieser Bach-Auslegung endgültig. Tolles Sänger pflegen einen schlanken Ton ohne viel Vibrato, und die Gruppen stehen in ausgewogenem Verhältnis zueinander. Der Dirigent, ohne Hektik am Werk, verfolgt eine dramaturgisch einleuchtende Strategie. Er macht im "Kyrie" keinerlei Anstalten, bei der Eile Zuflucht zu suchen. Er durchmisst das weite Feld des grandiosen, alle Grenzen sprengenden Messe- Auftakts mit forschender Geduld. Er beschreibt die dramatische Kurve eher abwartend. Bachs musikalisches Geflecht liegt offen. Seinem Ausdrucksbegehren wird auf den Grund gegangen.

Erstes Anzeichen für das, was da in petto ist: die Dringlichkeit der Erbarmensbitte unter anderem. Der Hörer registriert, wie da von langer Hand disponiert wird, wie auf die Friedenssehnsucht des "...et in terra pax" im "Gloria" hingedacht wird - auf das lastende und doch so leicht intonierte Vorwärtsschreiten des "Qui tollis". Das begeisterungsdurchdrungene "Cum sancto spiritu", das ganz nebenbei zeigt, dass dem Chor auch Virtuosität abverlangt werden darf, weist auf den überwältigenden Umschlag aus der "Crucifixus"-Depression in den Auferstehungsjubel: Kontrast-Interpretation als elementares theologisches und musikalisches Ereignis - Gram und Ekstase als zwei Seiten derselben Medaille. Und: Wie Tolle das "Confiteor" in der reibungsreichen Chromatik zerlaufen ließ, das trug wesentlich zum Eindruck einer tiefsinnigen und zugleich mitreißenden Darstellung bei.

Der hohe Standard der jungen Gesangssolisten kam ihr obendrein zugute. Kathrin Hildebrandts mühelos strömender Alt bestätigte sich nicht nur im Espressivo des "Agnus Dei" aufs Schönste. Daniel Sans’ hell-beweglicher und doch körperreicher Tenor, der Bariton Markus Volpert, der glatt vergessen machte, dass seine beiden Arien für zwei unterschiedliche Stimmen geschrieben scheinen, Michaela Oberndorfer in den kleineren Sopranaufgaben - und darüber Nuria Rials frappierender Leuchtsopran: Bach-Belcanto von Graden. Laute Zustimmung.

Heinz W. Koch (Badische Zeitung, 19. Dezember 2001)

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Größe ohne Bombast

Cantate: Bachs h-Moll-Messe 

Trübsal und Freude, Bekümmernis und aufleuchtende Hoffnung, Tod und Auferstehung - das sind die Pfeiler, auf denen sich Johann Sebastian Bachs Messe in h-Moll stützt, das sind die Pfeiler lutherischen Glaubens. Erst das Gegensatzpaar verschafft sich gegenseitigen Sinn, auch musikalisch. Denn wir haben heute andere Maßstäbe: Freudige Musik tendiert, damit sie als solche erlebbar ist, zum Überschwänglichen, zur Ekstase. Für die Ohren von Bachs Zeitgenossen dürfte wohl schon eine schmetternde Trompete gereicht haben, deren Träger in helle Begeisterung zu versetzen. Für uns hingegen ist sie eine schmetternde Trompete, von der wir wissen, dass sie eine frohe Botschaft verkündet.

Warum viele Hörer eher empfänglich sind für klagende Töne, sei hier dahingestellt. Tatsache ist, dass in der Aufführung der Messe durch den von Johannes Tolle geleiteten Cantate-Kammerchor und das John-Sheppard-Ensemble die Höhepunkte an Stellen zustande kamen, die vom Tod des Gekreuzigten oder von der Hoffnung auf Auferstehung erzählen. Hier zeigte sich die hohe Qualität des vom Barockorchester Capriccio Basel weniger begleiteten als aktiv unterstützten Vokalensembles: Die Stimmen stehen in einem ausgewogenen Verhältnis, ihre Klangästhetik ist, weit entfernt von wabernden Vibratoschwällen, schlank. Mit instrumentaler Präzision führte der Chor die verstörende Harmonik des späten Bach vor («et expecto resurrectionem»). Ein extremes Decrescendo liess das «Crucifixus» eindrücklich verstummen - aussergewöhnliche Kontrastfähigkeit des Chors, aber auch Kontrastnötigkeit, denn das anschliessende «Et resurrexit» gelingt nur nach einem vorangegangenen musikalischen «In extremis» auch so überzeugend vital wie am Samstag in der Martinskirche.

Der hervorragenden Darbietung des Chors standen die Gesangssolisten mit Ausnahme des wenig aussagekräftigen Tenors (Daniel Sans) in nichts nach. Namentlich die deutsche Altistin Kathrin Hildebrandt beeindruckte mit präzis geführter Stimme. Ihr «Agnus Dei» war in äussere Zurückhaltung gegossene Leidenschaft und stellte so die ästhetische Summe der ganzen Aufführung dar. Im Weiteren sangen Nuria Rial, Michaela Oberndorfer und Markus Volpert, schön offen, etwas kühl bisweilen und bestens begleitet von den Solisten des Orchesters.

Wer vor dem Konzert befürchtete, dass der - musikhistorisch gesehen - zu große Chor die h-Moll-Messe erdrücken würde, dürfte, von der Aufführung subtil überwältigt, belehrt worden sein, dass Größe nicht Bombast bedeuten muss.

Benjamin Herzog (Basler Zeitung, 17.Dezember 2001)