23. / 24. Januar 2000 (Freiburg)
A-cappella-Kompositionen
von Gesualdo, Mahler, Sheppard und Bruckner

Carlo Gesualdo: Responsorien
Gustav Mahler: Ich bin der Welt abhanden gekommen (Bearb. Clytus Gottwald)
John Sheppard: Media vita
Anton Bruckner: Motetten

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P r e s s e s t i m m e :

Präzise, harmonisch. Das John Sheppard Ensemble in Günterstal.

Nur wenige Chöre haben, was alle anderen suchen. Das Freiburger John Sheppard Ensemble gehört zu den wenigen. Denn es hat: genügend Tenöre (die man gelegentlich sogar zu teilen wagen kann), höhensichere Soprane, einen konturierten, volltönenden Alt - und einen Dirigenten, unter dem zu singen eine wahre Freude sein muss.
Johannes Tolles überaus präzise Zeichengebung und Taktierung zu beobachten, ist allein schon faszinierend; an ihr, mag man denken, dürfte es wohl auch gelegen haben, dass sich die Choristen nicht nur willig, sondern durchaus erfolgreich bis zur 16-Stimmigkeit aufteilen ließen. Dabei war Clytus Gottwalds Bearbeitung von Gustav Mahlers Orchesterlied Ich bin der Welt abhanden gekommen (aus den Rückert-Liedern), in dem dies der Fall ist, zwar wohl das effektvollste, keineswegs jedoch das schwierigste Stück des Abends.

Gut ausgehörter, fein ausbalancierter Chorklang

Weitaus anspruchsvoller als Gottwalds Übetragung von Mahlers Orchesterstimmen und Aura auf ein Sängerensemble, das die Melodiestimme unter sich verteilt und gleichsam dem Gesamtklang einverleibt, waren die Werke Carlo Gesualdos und John Sheppards. Gesualdos höchst artifizielle Konstruktivität wie auch seine harmonischen Weitläufigkeiten meisterte das Ensemble mit sehr genauer, nur bei manchen Einsätzen (zumal der Bässe) noch verbesserungsfähiger Intonation.

Dem gut ausgehörten, fein ausbalancierten Chorklang verdankte auch Sheppads Media Vita, bei dem die wirklich hohen Soprane des Chores gelegentlich an ihre Grenzen stießen, seine eindrucksvolle Wirkung.
Mit dem stilistischen Wechsel zwischen Musik des 16. und des 19. bzw. 20. Jahrhunderts, der dem Konzertprogramm einkomponiert war, hatte der bis zu 20-köpfige Chor selbst weniger Probleme, als man sie beim bloßen Zuhören haben konnte. Bruckners beliebteste Motetten nach Sheppards hochkonzentrierter, polyphoner Stringenz: Das war schon ein harter Schnitt. Die vorteilhafte Akustik der Günterstaler Liebfrauenkirche milderte ihn zumindest einigermaßen ab.

    Susanne Benda (Badische Zeitung, 27. Januar 2000)